Beunruhigende Ruhe: Warum niedrige Volatilität kein Entwarnungssignal ist
Die Finanzmärkte wirken derzeit gelassen – zu gelassen. Während sich die geopolitischen Stürme mehren und in den USA ein offener Schlagabtausch zwischen Regierung und Notenbank tobt, bleiben Aktien, Anleihen und Währungen erstaunlich ruhig. „Die derzeitige Stille ist kein Zeichen von Stabilität, sondern potenziell ein Warnsignal“, erklärt Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. Was Anleger jetzt beachten müssen.
Während die US-Regierung mit der Notenbank auf offener Bühne in Konflikt gerät, bleiben die Märkte unbeeindruckt: keine heftigen Ausschläge beim Dollar, keine Turbulenzen bei Staatsanleihen. Politischer Sturm trifft auf ökonomische Stille – ein Widerspruch, der einiges über das derzeitige Marktregime verrät.
„Viele Investoren interpretieren geringe Schwankungen als Zeichen für Sicherheit“, erklärt Fischer. Doch die aktuelle Ruhephase täuscht: Niedrige Volatilität ist nicht zwangsläufig ein Garant für Sicherheit – sie kann vielmehr ein Hinweis auf Risiken sein, die sich unter der Oberfläche aufbauen.
Auch die Aktienmärkte zeigen extreme Gelassenheit. Der Volatilitätsindex VIX, ein Maß für die Marktschwankungen in den USA, verharrt auf selten niedrigem Niveau. Absicherung gegen Kursrückgänge ist so günstig wie lange nicht – und wird gleichzeitig kaum genutzt. Auch am Anleihemarkt signalisiert der MOVE-Index ungewohnte Ruhe und wenig Stress. „Diese Kombination, bestätigt durch messbar geringe Volatilität im Aktienindex S&P 500 und bei US-Staatsanleihen, ist historisch eher Ausnahme als Normalzustand“, so Fischer.
Hinter den Kulissen verstärken systematische Strategien und Volatilitätsfonds diesen Effekt. Viele Modelle passen ihre Risikopositionen an die gemessene Marktberuhigung an: Fällt die Volatilität, werden Aktienquoten hochgefahren. Zusätzlicher Kaufdruck entsteht, die Märkte wirken noch stabiler. Doch diese oberflächliche Gelassenheit macht die Struktur anfälliger. Kommt es zu einem plötzlichen Auslöser, reagieren zahlreiche Akteure gleichzeitig – mit potenziell überproportionalen Marktbewegungen.
„Die aktuelle Marktstille ist kein Gleichgewicht“, erklärt Fischer, „sondern ein eigenes Regime, in dem sich Marktmechanismen und Anlegerverhalten auf geringe Schwankungen eingestellt haben.“ Das birgt Risiken, wenn die „Logik der Ruhe“ kippt. In solchen Phasen kann ein unscheinbares Signal ausreichen, um kollektive Umschichtungen auszulösen.
Stille Märkte fühlen sich stabil an und sind gerade deshalb gefährlich. Für Endkunden gilt: Ruhe verkauft sich als vermeintliche Sicherheit, auch wenn sie nur Momentaufnahme ist. „Volatilität ist weniger eine Bedrohung als die Anpassung an neue Informationen“, so Fischer. Die größten Risiken werden selten in nervösen Märkten geboren – dort werden sie meist nur sichtbar. Und wo die Volatilität verschwindet, wächst das Risiko oft unsichtbar weiter.
Wer solide Anlageprozesse verfolgt, verlässt sich nicht auf kurzfristige Marktstimmungen. Gute Strategien kalkulieren mit dem Zyklus der Volatilität – und berücksichtigen den Fakt, dass Ruhephasen selten von Dauer sind. Die vermeintliche Entwarnung, die niedrige Schwankungen senden, ist vor allem eines: ein Grund zur Wachsamkeit.
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