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Die Märkte im Bann von KI und Nahost

An den Finanzmärkten sind Warnungen vor einer KI-Blase wie auch vor einer Energiekrise die beherrschenden Themen. „Die Eskalation im Nahen Osten verändert das Marktumfeld deutlich“, so Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. Geopolitische Risiken werden zur Normalität. Während die USA vom KI-Boom profitieren, steht Europa unter stärkerem Druck durch Energiepreise und eine schwächere Konjunktur. „Die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern an den Märkten dürfte weiter aufgehen“, erklärt Fischer.

Die jüngste Eskalation im Nahen Osten hat die Lage an den Aktienmärkten spürbar verändert. „Früher galten geopolitische Risiken vor allem als kurzfristige Schocks“, so Fischer, „nun aber werden sie als struktureller Belastungsfaktor eingepreist.“ Insbesondere die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus steigert das Risiko dauerhaft höherer Energiepreise und damit auch steigender Inflationserwartungen. Die Folge: Die Märkte haben ihre Erwartungen an schnelle Zinssenkungen zurückgenommen, Renditen bleiben erhöht und die Volatilität ebenfalls.

In den USA zeigt sich die Realwirtschaft bislang jedoch robust. Die Frühindikatoren stabilisieren sich, das verarbeitende Gewerbe sendet konstruktive Signale und der ISM-Index erreichte zuletzt den höchsten Stand seit mehreren Jahren. Auch mit den Auftragseingängen geht es bergauf. „Insgesamt zeigt sich die USA konjunkturell deutlich robuster als man vor dem Hintergrund des US-Iran-Konflikts vermuten mag“, sagt Fischer. Zugleich aber verschiebe sich das Marktregime: Das Goldilocks-Szenario mit abnehmender Inflation weicht einer robusten Nominalkonjunktur bei gleichzeitig höherem Inflationsdruck.

Trotz des anspruchsvollen Makroumfelds bleiben die US-Unternehmensgewinne stark. Im Zuge der Berichtssaison für das erste Quartal meldeten die Unternehmen des S&P 500 ein Gewinnwachstum von rund 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr; mehr als 80 Prozent übertrafen die Analystenschätzungen. Die Gewinnentwicklung zeigt sich weiterhin stabil und das sowohl bei den Gewinnerwartungen pro Aktie als auch bei den Margen. Ein zentraler Treiber bleibt dabei die Künstliche Intelligenz (KI): „Die hohen Investitionsausgaben der Hyperscaler unterstreichen, dass KI längst von einer bloßen Hoffnung zur realwirtschaftlichen Investitions- und Produktivitätsstory geworden ist“, sagt Fischer.

Diese Kombination aus Wachstum, Gewinnen und KI-Dynamik hat den US-Aktienmarkt im zweiten Quartal auf neue Rekordhochs geführt. Gleichzeitig steigen damit allerdings auch die Anforderungen an die weitere Kursentwicklung: Die hohen Bewertungen lassen nur begrenzten Spielraum für Enttäuschungen. Insbesondere die zuletzt deutlich gestiegenen Anleiherenditen könnten schnell zu Rückschlägen führen – ganz zu schweigen von einer erneuten geopolitischen Eskalation oder von schwächeren Unternehmenszahlen im zweiten Halbjahr. Zudem differenziert sich der Markt zunehmend. Entscheidend seien laut Fischer künftig nachhaltige Gewinne, Cashflow-Qualität und reale Produktivitätsgewinne. Für Anleger werde daher die aktive Selektion immer wichtiger.

Gegen eine breite Euphorie spricht auch das eher gemischte Makroumfeld. Die Inflationserwartungen steigen, das Konsumentenvertrauen hat sich zuletzt eingetrübt und der Arbeitsmarkt verliert an Dynamik. Gleichzeitig bleibt damit allerdings die Wahrscheinlichkeit einer tiefen Rezession gering. Insgesamt ist der US-Aktienmarkt fundamental gut unterstützt, auch wenn das kurzfristige Aufwärtspotenzial durch Bewertungen, Renditen und Nahost begrenzt ist.

In Europa wiederum lastet die geopolitische Lage deutlich stärker auf dem Markt, denn die höhere Abhängigkeit von Energieimporten macht die Eurozone sensibler für steigende Öl- und Gaspreise. Entsprechend haben sich die Inflationserwartungen zuletzt erhöht, während die Erwartungen an das Wachstum nach unten revidiert wurden. „Damit steigen die stagflationären Risiken“, mahnt Fischer. Angesichts der aktuellen Lage sind die Hoffnungen auf weitere Zinssenkungen gesunken. Teilweise preisen Marktteilnehmer inzwischen sogar zusätzliche Zinsschritte der EZB bis zum Jahresende ein.

Daher zeigen die europäischen Konjunkturdaten bereits Bremsspuren: Wirtschaftsüberraschungen, Konsumentenvertrauen und Finanzierungsbedingungen haben sich verschlechtert. Der Dienstleistungssektor ist zuletzt wieder geschrumpft. Das verarbeitende Gewerbe zeigt sich zwar stabiler, signalisiert aber nur begrenzte Wachstumsdynamik. Deutschland bleibt trotz angekündigter Fiskal- und Infrastrukturprogramme strukturell anfällig.

Erschwerend hinzu kommt, dass Europa derzeit ein klarer Wachstumstreiber fehlt. Zwar bleiben Bewertungen moderat, Gewinnmargen stabil und einzelne Sektoren profitieren von Fiskalimpulsen, Infrastruktur- und Verteidigungsinvestitionen. Doch ein Pendant zum KI- und Halbleiterboom in den USA ist bislang nicht sichtbar. „Die europäische Marktstruktur ist stärker von Industrie, Finanzwerten, Energie und klassischen Value-Segmenten geprägt“, erklärt Fischer, „die Gewinne entwickeln sich daher insgesamt weniger dynamisch.“

Insgesamt stehen also höhere Energiepreise, zunehmende Inflationserwartungen und eine schwächere Konjunktur den moderaten Bewertungen, steigenden Staatsausgaben und stabilen Unternehmensgewinnen gegenüber. „Das macht eine breite Index-Rallye derzeit weniger wahrscheinlich“, so Fischer. Europa brauche deutlich dringender als die USA eine belastbare Lösung im Nahost-Konflikt, um wieder sorgenfreier in das verbleibende Jahr 2026 blicken zu können. Die nächste Marktphase dürfte daher stärker von Selektion, regionaler Differenzierung und sektoraler Rotation geprägt sein.

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